Warum KI uns keinen Feierabend schenkt.
Wenig Zeit? Schau meine Zusammenfassung zum folgenden Essay als youtube Short.
Stellen wir uns für einen kurzen und schönen Moment folgende Szene vor: Olli sitzt in seinem Büro. Er ist durch den Einsatz von KI ein Musterbeispiel an Effizienz und Produktivität. Sein Tippen klingt wie prasselnder Regen auf einem Blechdach. Er ist im „Tunnel“.
Plötzlich verstummt das Klappern. Sein Monitor flackert kurz auf und füllt sich dann vollständig mit einem satten, beruhigenden Grün. In der Mitte erscheinen in fetten, weißen Lettern nur zwei Worte: FREIRAUM ERREICHT!
Das System hat berechnet, dass Olli sein Tagessoll an Produktivität erfüllt hat. Die KI hat seine E-Mails beantwortet, die Berichte geschrieben, Aufgaben delegiert und die Excel-Tabellen bereinigt. Olli lehnt sich zurück, atmet entspannt ein, nimmt seine Jacke und geht. Er geht vielleicht nicht direkt nach Hause, aber zumindest geistig in den Feierabend-Modus.
Diese Szene mag futuristisch wirken, vielleicht auch etwas albern. Warum? Weil sie auf einer fundamentalen Fehlannahme beruht, die uns die aktuelle KI-Hype-Maschinerie verkaufen will:
Neue Freiräume gewinnen durch mehr Effizienz und höhere Produktivität.
Warum ich das für eine Fehlannahme halte? Aus verschiedenen Gründen. Weil es voraussetzt, dass wir wissen, WANN wir fertig sind. Und ich glaube, dass wir das meist eben nicht wissen. Und selbst wenn wir es wüssten, müssten wir (oder ggf. unsere Vorgesetzten) anerkennen, DASS wir fertig sind. Und schließlich die Frage: Was ist „Freiraum“? Ist er gleichbedeutend mit Freizeit? Diese Fragestellungen sind für mich grundlegend, wenn wir im Unternehmen KI implementieren und uns fragen: Warum und wozu eigentlich?
Das Versprechen der Effizienz und der Sumpf des „Workslop“.
Die große Verheißung der Künstlichen Intelligenz lautet:
Ich nehme dir die lästige Arbeit ab, damit du effizienter und produktiver wirst.
Doch zwischen uns und diesem theoretischen Freiraum steht erstmal ein neues, klebriges Phänomen: Workslop.
„Slop“ bezeichnete ursprünglich minderwertiges Futter. In der digitalen Welt ist „Workslop“ jener Überfluss an mittelmäßigen, KI-generierten Inhalten, der unsere Arbeitsprozesse nicht beschleunigt, sondern verstopft. Es sind die synthetischen E-Mails, die höflich und plausibel klingen, aber nichts aussagen oder erreichen, die austauschbaren „Blabla“ Präsentationen, die besser wirken als jedes Sedativum. Und es sind die automatisierten und inflationär generierten Zusammenfassungen oder Analysen von irgendwas, die so generisch und umfassend sind, dass sie niemand mehr lesen mag.
Too long, didn't read. 🫣
Nicht umsonst haben sich Neologismen wie TL;DR oder TL;DW etabliert. Ersteres soll heißen: „Too Long; Didn‘t read“. Dieses Kürzel landet schon seit Längerem als Feedback unter der einen oder anderen schriftlichen Ausarbeitung, von der sich der Adressat schon rein quantitativ überfordert fühlt. Zweiteres - also „TL;DW“ - bringt zum Ausdruck, dass sich jemand nicht einmal mehr ein Video bis zu Ende anschauen mochte und das mit „Too Long; Didn‘t watch“ begründet. Es liegt wohl auf der Hand, dass derartige Reaktionen mit der Zunahme KI generierter Inhalte häufiger zu finden sein werden.
Anstatt Arbeit abzuschaffen, verwandelt KI uns zunehmend in die Hausmeister unserer eigenen Tools. Wir produzieren nicht mehr, wir kuratieren. Wir waten durch den digitalen Schlamm, um in den Untiefen des mathematisch errechneten Contents die wenigen Goldnuggets zu finden, die wirklich relevant, valide und zielführend sind. Wenn wir nicht aufpassen, frisst das Sondieren, Korrigieren und Filtern von „Workslop“ genau die Zeitersparnis auf, die uns die KI eigentlich schenken sollte.
In meinem Essay Workslop – die unsichtbare Steuer der KI-Revolution bin ich detaillierter auf das Workslop Problem eingegangen.
Das Paradoxon der leeren Zeit (Parkinsons Gesetz)
Nehmen wir einmal an, wir besiegen den Workslop. Wir lernen, die KI präzise zu steuern. Nehmen wir an, Olli hat um 14:00 Uhr tatsächlich alles erledigt, was früher bis 18:00 Uhr gedauert hätte.
Würde er den „Freiraum“ erkennen und akzeptieren und die richtigen Schlüsse daraus ziehen? Das ist nicht garantiert. Und hier sind wir beim eigentlichen Problem. In der modernen Wissensarbeit gibt es keinen physischen Stapel Papier, der abgearbeitet ist. Es gibt kein grünes Signal „FREIRAUM ERREICHT“.
Hier greift das Parkinsonsche Gesetz:
Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.
Wenn KI uns also zwei Stunden schenkt, füllen wir diese nicht automatisch mit sinn- und wertvollem Freiraum, sondern oft unbewusst mit mehr vom Gleichen. Wir „daddeln“ an dem herum, was eigentlich schon ausreichend gut war. Wir probieren, optimieren, frisieren, löschen, ergänzen, korrigieren, perfektionieren oder prokrastinieren. Wir füllen das Vakuum instinktiv, weil Stille und Innehalten im operativen Geschäft oft mit Untätigkeit, Stillstand und Wertlosigkeit verwechselt wird. Zudem erteilt uns keine höhere Macht und schon gar kein grüner Bildschirm die Absolution, unser operatives Pensum für heute wirklich erfüllt zu haben.
Führung als das grüne Signal ✅ Eine Pflicht der Geschäftsleitungen
Genau hier sehe ich den entscheidenden Hebel und die Verantwortung der Geschäftsleitungen. Wenn der Monitor nicht von selbst grün leuchtet, muss das Führungspersonal den Schalter umlegen.
Ich halte es für einen fatalen Irrweg, die durch KI gewonnene Zeit einfach nur mit noch mehr operativer Abarbeitung füllen zu wollen. Das führt lediglich zu schnellerem Hamsterrad-Laufen, nicht zu mehr PS auf der Straße.
„Freiraum“ bedeutet im unternehmerischen Kontext eben nicht, um 14:00 Uhr Eis essen, Kaffee trinken oder einfach nach Hause zu gehen und sich die nächste Netflix Serie reinzuziehen. Es bedeutet die bewusste Umschichtung von Ressourcen: Weg von der Produktion von Durchschnitt, hin zur Investition in Exzellenz.
Führungskräfte sollten daher ihre Teams aktiv dafür sensibilisieren, diesen Freiraum zu erkennen und – das ist der schwierigere Teil – ihn ohne schlechtes Gewissen zu nutzen. Und zwar für das, was im operativen Eifer oft als Erstes stirbt:
- Strategische Weitsicht: Zeit, um nicht IM Unternehmen, sondern AM Unternehmen zu arbeiten.
- Kreative Kollisionen: Der ungezwungene Austausch mit Kollegen an der Kaffeemaschine, aus dem oft bessere Lösungen entstehen als in drei geplanten Meetings oder Video-Calls.
- Mutige Ideen: Zeit für das Entwickeln von „verrückten“ Konzepten, die vielleicht scheitern, aber vielleicht auch das nächste große Ding werden.
Ist das nicht „bezahlte Freizeit“?
Warum sollte ein Unternehmen seine Teams motivieren und legitimieren, Freiräume zu gewinnen, zu erkennen und aktiv zu nutzen? Ist das nicht „bezahlte Freizeit“? Nein, es ist eine Investition in die geistige Gesundheit und Bindung der Belegschaft.
‼️ Wenn KI stupide und routinemäßige Abarbeitung übernimmt und der Mensch den gewonnenen Freiraum kreativ nutzen kann und darf(!), geschieht etwas Psychologisches: Die Mitarbeiter werden befördert, von „Abarbeitern“ zu „Gestaltern“.
Niemand dürfte tiefe Befriedigung daraus ziehen, am Tag 50 generische E-Mails verschickt, 100 Zeilen in Excel angelegt, 3 Projektdokumentationen geschrieben und 20 Kundenanfragen von A nach B kopiert zu haben. Aber die Möglichkeit, eine Stunde lang an einer Strategie zu feilen oder eine wilde Idee zu pitchen, erzeugt Selbstwirksamkeit. Es ist das Gefühl: „Ich bin hier nicht nur ein Rädchen im Getriebe, mein Kopf wird gebraucht.“
In Zeiten des Fachkräftemangels ist dieses „Upgrade“ der Tätigkeit die stärkste Währung. Zufriedenheit entsteht nicht zwingend durch weniger Arbeit, sondern durch bedeutsamere Arbeit. Wer dank KI und kluger Führung den Freiraum bekommt, zu denken - im Sinne von „mitdenken“ - statt nur zu funktionieren, der bleibt. Und wenn das Unternehmen diese Haltung auch in Stellenausschreibungen klar kommuniziert, kann es damit sogar noch den Nachwuchs begeistern und abholen.
Fazit: Freiraum muss man sich nehmen (dürfen)
Die Gefahr besteht also doppelt: Zum einen hindert uns „Workslop“ technisch daran, effizienter zu werden. Zum anderen fehlt uns kulturell die Erlaubnis zum Innehalten.
Wir müssen daher aufhören, KI als reinen Beschleuniger für das Bestehende zu sehen. Solange die Geschäftsleitung nicht definiert, dass „Fertig“ auch bedeuten kann: „Ich habe heute genug operativ abgearbeitet und nutze den Rest des Tages, um über die Strategie von morgen nachzudenken“, wird KI im Unternehmen nicht ihr volles Potenzial entfalten können.
Unsere Bildschirme werden niemals von alleine grün werden.
Es liegt an jedem Einzelnen und am Führungspersonal, dieses Signal zu senden bzw. wahrzunehmen. Ansonsten wird der Bildschirm vor lauter Workslop oder - im worst case - durch Abwanderung von Fachkräften oder gar deren Burnout irgendwann einfach schwarz bleiben.
Aber mit worst case Szenarien will ich meinen Artikel natürlich nicht enden lassen. Ich möchte abschließend vielmehr den Impuls geben, der eigenen Phantasie und Kreativität freien Lauf zu lassen und darüber nachzudenken, wie man seine gewonnenen Freiräume am eigenen Arbeitsplatz tatsächlich erkennen und konkret nutzen könnte, selbst wenn es pro Tag erstmal nur eine Stunde wäre. Da entstehen dann vielleicht auch Überlegungen, ob man Freiraum-Kontingente nicht auch sammeln und einmal pro Woche am Stück nutzen könnte, ob man sich im Team regelmäßig zu „Freiraum-Sessions“ verabredet und gemeinsame Events daraus macht oder, oder, oder …
Mögen die Gedanken fließen! Ich wünsche inspirierenden Flow und hoffentlich bald viele grüne Bildschirme.
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
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