Workslop – die unsichtbare Steuer der KI-Revolution.
“Weniger Arbeit für alle”. Diesen Titel habe ich nicht ohne Grund für meinen aktuellen Artikel gewählt. Diese Headline kann man nämlich so oder so lesen. Können wir unser Arbeitsleben bald entspannter angehen und mehr Freizeit genießen, weil die KI uns so viel Zeit spart? Oder ist bald eh nicht mehr genug Arbeit für alle da, weil die KI unsere Arbeitsplätze massiv dezimiert? Oder stimmt nichts davon, weil die Arbeit derjenigen, die noch eine haben, einfach nie weniger werden wird?
Bei meinen Recherchen für diesen Essay stieß ich auf ein Plakat, welches mutmaßlich aus den frühen 1980er Jahren stammt und Karl Marx beim Surfen zeigt. Überschrift: Weniger Arbeit für alle! Es ist eine Anspielung auf die damalige Verheißung des Personalcomputers, der uns eine Zukunft mit weniger Arbeitslast in Aussicht stellte. Damals versprach die Technologie eine Entlastung, eine Utopie von mehr Freizeit und Effizienz.
Ich kam nicht umhin, einer KI den Auftrag zu erteilen, das Plakat vom surfenden Marx in die heutige Zeit zu übersetzen und es als Coverbild meines Artikels zu verwenden. Denn jetzt, im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, scheint sich die Verheißung von damals erneut zu stellen. Diesmal ist es nicht der PC, sondern die KI, die uns die Arbeit abnehmen soll. Natürlich nur ein bisschen und nicht vollständig. Schließlich wollen wir unseren Job ja behalten.
Achtung: Workslop! ‼️
Ich bin davon überzeugt: Das Bild einer KI-bedingten Arbeitserleichterung ist trügerisch. Zumindest, wenn wir eine delikate Entwicklung im Blick haben: den sogenannten Workslop.
Workslop, eine Wortschöpfung aus „Work“ und „Slop“ (Schlamperei oder auch Müll), ist eine der großen Bedrohungen für die Produktivität im Zeitalter der generativen KI. Es handelt sich dabei um KI-generierte Inhalte, die zwar auf den ersten Blick professionell aussehen. Gut formatierte Präsentationen, lange Berichte, brauchbarer Code. Aber substanzlos, weil ihnen der entscheidende Kontext oder eine menschliche Überprüfung fehlt.
Anders als die kognitive Entlastung, die wir durch Google oder einen Taschenrechner erfahren, verlagert Workslop die geistige Arbeit einfach auf den nächsten Menschen in der Kette. Der Sender generiert auf Knopfdruck mit Hilfe der KI seitenweise Präsentationen, Berichte, Tabellen, Analysen und Emails. Klick-klick-fertig. Sieht beeindruckend aus, ist bestimmt super. Die Kollegen werden Augen machen!
Der “Schwarze Peter”, über Qualität, Plausibilität und überhaupt irgendeinen Sinn zu entscheiden, wird beim "Worksloppen" dem Empfänger der massigen und in Lichtgeschwindigkeit generierten Informationen zugeschoben. Dieser muss den Inhalt verstehen, einordnen, interpretieren, korrigieren oder sogar von Grund auf neu erstellen. Das kostet Nerven und, viel wichtiger, Zeit und Geld, denn die Arbeitskraft ist nun gebunden, um eine möglicherweise völlig überflüssige Aufgabe zu übernehmen. Nicht selten stellt sich nämlich heraus: das war alles für die Tonne. 🗑️
Eine aktuelle Studie des Harvard Business Review zeigt, dass Workslop nicht nur die Produktivität zunichte macht, sondern auch das soziale Miteinander im Unternehmen vergiftet:
- Der „Kaskaden-Effekt“: Mitarbeitende, insbesondere Vorgesetzte, müssen viel Zeit damit verbringen, den ihnen vorgelegten Informationen nachzugehen und sie mit eigenen Recherchen zu überprüfen. Dazu gehört das Problem, diplomatisch darauf zu reagieren, insbesondere in hierarchischen Beziehungen. Als die Teilnehmer der Studie gefragt wurden, wie sie sich mit Workslop fühlen, gaben 53% an, verärgert, 38% verwirrt und 22% beleidigt zu sein.
- Die Workslop-Steuer: Mitarbeitende berichten, im Schnitt eine Stunde und 56 Minuten pro Workslop-Vorfall zu verschwenden. Hochgerechnet auf 40 % der Angestellten, die monatlich damit konfrontiert sind, ergibt sich eine „unsichtbare Steuer“ von 186 US-Dollar pro Mitarbeiter und Monat.
- Der Vertrauensverlust: Fast die Hälfte der Befragten (42 %) empfindet Kollegen, die Workslop schicken, als weniger vertrauenswürdig. Mehr als die Hälfte (54 %) hält sie für weniger kreativ, und 32 % geben an, in Zukunft ungern wieder mit ihnen zusammenarbeiten zu wollen. Die Befragten berichteten auch von den sozialen und emotionalen Folgen von Workslop.
Workslop ist somit das direkte Ergebnis einer sog. „Passagier-Mentalität“, bei der KI nicht als Werkzeug zur Verbesserung der eigenen Arbeit, sondern als Abkürzung zur Arbeitsvermeidung genutzt wird.
Warum "Weniger Arbeit für alle" nicht greift
Das Versprechen "Weniger Arbeit für alle" greift im Kontext des Workslops nicht, weil es eine statische Betrachtung der Arbeitszeit ist. Es ignoriert die Dynamik, mit der sich Arbeit im digitalen Zeitalter ausbreitet. KI kann uns Werkzeuge an die Hand geben, die uns theoretisch entlasten. Praktisch jedoch führen fehlende Strategien, mangelndes Bewusstsein und ein unreflektierter Drang nach immer mehr Produktivität dazu, dass wir uns in einem Strudel aus Aufgaben und Erwartungen wiederfinden.
Nicht zu vergessen: die möglicherweise frei gewordene Arbeitszeit darf schon mal für Fortbildungen reserviert werden. Angesichts der rasanten technischen Entwicklungen werden Schulungen mehr denn je zum festen Bestandteil des Arbeitslebens werden. Anstatt also wie Marx surfen zu gehen, finden wir uns in Seminaren und Fortbildungen wieder.
Wege aus dem Workslop: Eine Aufgabe für die Chefetagen.
Es ist die Aufgabe der Geschäftsleitungen und des Managements, Workslop zu erkennen und ihm aktiv entgegenzuwirken, optimalerweise gar nicht erst entstehen zu lassen.
Hier einige Ansätze:
- Strategische KI-Integration mit Augenmaß
Wir sollten KI in unseren Unternehmen nicht einfach nur implementieren, weil es der neueste technologische Hype ist, sondern mit einer klar definierten Strategie. Wir müssen genau analysieren, welche Aufgaben wirksam automatisiert werden könnten, und dabei stets die menschliche Komponente und die Auswirkungen auf unsere Unternehmenskultur berücksichtigen. Denn unser Ziel sollte es sein, Kapazitäten für unsere Mitarbeitenden freizusetzen, die sie sinnvoll für ihre persönliche Weiterentwicklung, für kreative Prozesse oder tatsächlich für mehr Freizeit nutzen könnten. - Digitale Achtsamkeit fördern
Wir sollten vermeiden, dass unsere Mitarbeitenden von der Flut digitaler Informationen überwältigt werden. Daher müssten wir sie aktiv im Umgang mit digitalen Tools und KI schulen und eine Kultur der "digitalen Achtsamkeit" fördern. Wir sollten bewusst zu Pausen ermutigen, zur Einschränkung von Benachrichtigungen und zur Respektierung von Zeiten der Unerreichbarkeit. Das würde den ständigen Druck zur Verfügbarkeit mindern und Raum für Konzentration und Erholung schaffen. - Kompetenzen der Zukunft aufbauen
Eine große Chance der KI liegt darin, dass wir uns auf das konzentrieren können, was uns als Menschen einzigartig macht. Die durch KI freiwerdenden Kapazitäten sollten wir gezielt für die Weiterbildung unserer Mitarbeitenden nutzen. Wir sollten jene Fähigkeiten stärken, die KI bis auf Weiteres nicht ersetzen kann: emotionale Intelligenz, kritisches Denken, Kreativität, Problemlösungskompetenz und zwischenmenschliche Kommunikation. Denn genau hier zeigt sich der wahre Mehrwert der menschlichen Arbeitskraft.
Fazit: Segel setzen, aber richtig!
Das Bild von Karl Marx auf dem Surfbrett, elegant über die Wellen gleitend, mag eine utopische Vision von technologischer Freiheit sein. Doch der Workslop ist die tückische Strömung unter der Oberfläche, die uns unweigerlich aufs offene Meer treibt, wo die Arbeit nie endet. Es liegt an uns, die Segel richtig zu setzen und den Kurs so zu wählen, dass die Verheißung "Weniger Arbeit für alle" tatsächlich zu optimalen Arbeitsergebnissen, mehr Effizienz und Produktivität und mehr Arbeits- und Lebensqualität und einer nachhaltigeren Arbeitswelt führt. Andernfalls wird uns die KI nicht befreien, sondern in einen noch intensiveren Arbeitssog ziehen.
P.S. Ich habe versucht, etwas über die Herkunft des Plakates mit dem surfenden Karl Marx herauszufinden, blieb aber erfolglos. Nur so viel konnte ich recherchieren - wenn auch nicht verifizieren:
Die weit verbreitete Annahme der DDR- oder Sowjet-Provenienz basiert primär auf der kommerziellen Attraktivität des Themas. Händler positionieren das Plakat als seltene kommunistische Propaganda. Die Assoziation mit der UdSSR oder dem Ostblock wird bewusst gesucht, um eine Verbindung zur politischen Pop-Art herzustellen. Die Datierung auf 1975–1980 fällt in die Ära der späten DDR, was die populäre Erzählung von subversiver oder unbeabsichtigt komischer Ostblock-Propaganda untermauert.
Alle funktionalen, stilistischen und thematischen Hinweise würden aber darauf hindeuten, dass das Plakat seinen Ursprung in der Bundesrepublik Deutschland hat, wahrscheinlich im Umfeld radikaler linker Gruppen oder des gewerkschaftlichen Aktivismus. Ein entscheidendes Indiz sei das Fehlen eines Künstlernamens oder eines Herausgebers in den archivarischen Schätzungen. Während offizielle DDR-Werke und auch große BRD-Gewerkschaftsplakate typischerweise Attributionsmerkmale trugen (z. B. Herausgeber: IG Metall Vorstand; Druckerei: Union Druckerei), deutet die Anonymität des Marx-Windsurfer-Plakats auf eine Produktion durch eine kleine, autonome Gruppe hin, die möglicherweise politische Repressalien fürchten musste oder die Agitation anonym halten wollte. Das Plakat sei nicht nur ein Dokument der politischen Grafik, sondern auch ein Zeugnis der theoretischen Neuausrichtung linker Bewegungen in der postindustriellen Gesellschaft.
Wer dazu mehr weiß, kann sich ja gern bei mir melden. Würde mich interessieren.
Quellenverzeichnis
- Das Ende der Arbeit wie wir sie kennen. Der Spiegel, Nr. 41, 2. Oktober 2025, S. 8-19
Schröter, Anabel. KI im Job? „Es wird ignoriert, gelogen oder sabotiert“. WirtschaftsWoche, 30. September 2025. - Niederhoffer, Kate et al. AI-Generated Workslop Is Destroying Productivity. Harvard Business Review, 22. September 2025, aktualisiert 25. September 2025, Stand: 04.10.2025
- 2023, Microsoft’s 2023 Work Trend Index Report reveals impact of digital debt on innovation, emphasizes need for AI proficiency for every employee Stand: 04.10.2025
- WEF_Future_of_Jobs_2023. World Economic Forum, Mai 2023, Stand: 04.10.2025
* Titelbild: per Prompt auf Gemini Imagen: [The central figure of Karl Marx with his white beard and red-striped shorts is seen windsurfing on a futuristic foilboard. The board is silver and has glowing blue thrusters on the foil that lift it above the water, leaving a digitized wake. The large sail is red and yellow, covered in complex gold circuit board patterns. Marx wears a small glowing blue neural interface chip on his chest and a sleek black smartwatch on his left wrist, while holding a small handheld device with a screen showing abstract data. In the background sky, a large, glowing, blue-outlined wireframe brain icon is visible, along with multiple autonomous drones with blinking lights flying between the towering, futuristic, glass-and-steel skyscrapers of a coastal city skyline under a bright, clear blue sky. The ocean water is a deep turquoise, reflecting the light.]
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
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