„Hilfe, mein Computer mobbt mich!“ Vom Zickenkrieg im Digitalgebiet!

Was sind Computer doch nur für schlechte Verlierer. Kaum haben wir sie mal ein kleines bisschen angeflunkert, holen sie gleich zum zickigen, hinterhältigen Gegenschlag aus. Und dabei können sie dann plötzlich richtig kreativ werden.

Als ich Anfang der 80er Jahre meine Grundschulzeit in Berlin Reinickendorf verbrachte, war an Digitalisierung, Facebook, Whatsapp und dergleichen noch nicht zu denken. Wer miteinander flirten wollte, musste das auf die klassische Art und Weise tun. Kleine Liebesbriefe standen bei uns Kindern damals hoch im Kurs. Ich meine diese Zettelchen mit der Frage: Willst du mit mir gehen? Kreuze an. Und darunter dann leere Kästchen mit JA, NEIN und manchmal auch VIELLEICHT.

Letzteres wurde meist von Verfassern eingesetzt, die ihre/n Angebetete/n nicht zu sehr unter Druck setzen und ihr/ihm ein Hintertürchen offen halten wollten, falls er/sie sich noch nicht festlegen konnte oder wollte. Wobei man dazu sagen muss, dass dieses “zusammen gehen” sich meist darauf beschränkte, miteinander das Pausenbrot zu teilen oder händchenhaltend auf dem Schulhof zu stehen. Trotzdem hatte das damals für uns einen immens hohen Stellenwert.

 

Ja, nein, vielleicht?

Ich konnte mich jedenfalls immer ganz gut auf JA oder NEIN festlegen. Ein VIELLEICHT hätte ja auch eh niemanden so richtig weitergebracht für eine angehende Schulhof-Liebelei. Dass ich die Option VIELLEICHT nicht so richtig mochte, mag erziehungsbedingt sein. Denn wenn ich meiner Mutter auf die Frage, ob ich lieber Vanille- oder Schokopudding zum Nachtisch hätte, mit „egal“ antwortete, bekam ich stets die klare Ansage: „Egal ham wa nich!” (zu Hochdeutsch: Egal haben wir nicht.). Also musste ich lernen, mich festzulegen, sonst: Nix Pudding! Dieses Schema kam bei uns zu Hause bei vielen Entscheidungen zum Tragen. Und so war ich stets bemüht, eindeutige Entscheidungen zu treffen, um am Ende nicht in die Röhre zu gucken.


Wo Mist reingeht, kommt auch Mist raus

Diese Erziehung war für meine spätere Arbeit in der digitalen Arbeitswelt sicher hilfreich, denn Computer erwarten schließlich auch eindeutige Angaben. Oder haben Sie mal versucht, einen Computer mit „egal“, „mal sehen“, „vielleicht“ oder „schauen wir mal“ zu füttern oder das betreffende Feld sogar ganz leer zu lassen? Da werden Sie entweder mit einer saftigen Fehlermeldung angeraunzt oder erhalten später als Rückmeldung vom System genauso schwammige Aussagen zurück. Wie André Kostolany mal sagte: „EDV-Systeme verarbeiten nur, womit sie gefüttert werden. Kommt Mist rein, kommt auch Mist raus.“

Womit wir bei des Pudels Kern wären. Ich habe beruflich viel mit Unternehmern zu tun, die ihre betrieblichen Prozesse digitalisieren und dies häufig als schmerzhaft empfinden. Der Grund für diesen Schmerz ist nicht etwa, dass es so schwierig wäre, den Umgang mit der entsprechenden Software zu lernen. Nein, es ist vielmehr der Verzicht auf den Luxus, sich auch einfach mal auf sein Bauchgefühl berufen oder noch unentschlossen sein zu dürfen.


Einfach mal improvisieren und Fünfe gerade sein lassen.

Ist das nicht zutiefst menschlich? Und es ist in der analogen Welt ja auch recht einfach machbar, Pi mal Daumen an die Dinge heran zu gehen:

„Ob wir dem Kunden Rabatt geben? Und wenn ja, wieviel?”
„Ach, das kläre ich heute Abend beim Bierchen mit ihm.“

„Wieviel Marge ziehen wir uns bei dem aktuellen Projekt?”
„Das legen wir später fest. Erstmal schauen, wie sich alles so entwickelt.“

„Wieviel Ware ist noch im Lager?”
„Äh… also, gestern waren es noch so ungefähr 12 oder 13 Paletten.“


Nix da! Der Computer will mit eindeutigen Eingaben gefüttert werden.

Denn am Ende wollen wir ja schließlich auch eindeutige, logische und plausible Ausgaben von ihm zurück bekommen. Also heißt es: „Quid pro quo“. Aber es kann echt nerven, wenn man vor so einem elenden, endlosen Eingabeformular sitzt und nicht weiterkommt, weil man von 48 Feldern ein einziges mangels Kenntnis noch nicht ausfüllen kann und den Prozess deshalb vorerst abbrechen muss. Wer will da nicht manchmal wutentbrannt in sein schickes Display beißen oder kommt gar auf dumme Gedanken?

Wer wird denn den Computer anflunkern?

Hand aufs Herz, wann haben Sie zuletzt versucht, ein Eingabeformular oder eine Software zu überlisten, indem Sie eine sinnlose oder unwahre Angabe gemacht haben, bei der Sie dachten: „Ach, egal jetzt. Hauptsache, das blöde Programm läßt mich nur irgendwie diesen verflixten Datensatz abspeichern. Und Klick! Geschafft! Hehe, da hab’ ich’s dir aber gezeigt, du blödes Ding du!“

Wie stolz man dann ist, dass man anscheinend gerade schlauer war als das Computerprogramm! Was man nicht ahnt: Besagtes Programm überlegt bereits, wie es sich am wirkungsvollsten an uns rächen kann. Vielleicht ein kleiner Absturz mit Datenverlust? Oder eine völlig kryptische Fehlermeldung, die der User nie und nimmer zu deuten vermag? Oder der Klassiker: den User einfach mal wieder nach seinem Passwort fragen, an welches der sich garantiert nicht mehr erinnert. Oder doch lieber die Kostolany-Retourkutsche: Bei der späteren Datenausgabe gibt’s statt strukturierter Informationen nur einen Haufen Gülle.


Wenn der Computer zur Bestie mutiert

Wie unendlich kreativ können unsere digitalen Gefährten doch in solchen Situationen auf einmal sein! Sonst immer schön blöd tun, nach dem Motto: „Ach, ich armer Computer, ich kann ja nur Nullen und Einsen.“ Doch wenn sie wollen, mutieren sie in Bruchteilen von Sekunden zu hinterhältigen und durchtriebenen Bestien. Und sie geben erst dann Ruhe, wenn unsereins schweißgebadet und nach Fassung ringend vorm Bildschirm kollabiert.

Aber ist es nicht auch herzerwärmend, wenn es zwischen uns und unseren Computern manchmal so herrlich menschelt? Wir lieben und hassen sie. In dem einen Moment helfen oder amüsieren sie uns und im nächsten Moment mobben sie uns in den Wahnsinn. Wer will da noch behaupten, diese Geräte wären nicht in der Lage, emotionale Bindungen herzustellen?

Und so freuen wir uns schon auf die warmen Sommerabende, an denen wir mit unserem kleinen “Läppi” auf dem Schoß und einem kühlen Bier in der Hand auf der Terrasse sitzen und ganz entspannt unsere Mensch-Maschine-Zweisamkeit genießen. Ist das nicht romantisch?
Ja. Äh, nein. Naja, vielleicht.

„Wieder Freunde?“

„Wieder Freunde. Schlaf gut, Läppi.“

“Schlaf gut, John-Boy.”


Herzliche Grüße, Ihr Oliver Sonntag

Oliver Sonntag / Berliner / Jahrgang '73 / seit über 20 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / berät deutsche Mittelstandskunden, Vereine und Institutionen im Bereich Internet und Digitalisierung / Gründer und Geschäftsführer der Berliner Internetagentur ANTWORT:INTERNET.



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