Nachdenken über Türklinken
Neulich bin ich über ein Zitat des Ökonomen Peter Drucker gestolpert:
Es gibt nichts Nutzloseres, als etwas mit großem Aufwand effizient zu tun, was überhaupt nicht getan werden sollte.
Ich las das und dachte sofort an KI. Nicht, dass ich KI für etwas halte, was “nicht getan” werden sollte. Im Gegenteil. Die Tatsache, dass KI perspektivisch in jedes Unternehmen gehört, halte ich für fraglos. Aber ich sehe im deutschen Mittelstand aktuell ein Problem.
Das Problem würde ich in etwa so umschreiben:
Stellen wir uns vor: Jemand verbringt viel Zeit damit, sich mit Türklinken zu beschäftigen. Tag für Tag recherchiert er, bekommt Angebote und lässt sich von Türklinken-Experten beraten. Weil er sich bei der riesigen Auswahl aber nicht so richtig entscheiden kann, kauft er schließlich 100 Türklinken bei 100 verschiedenen Anbietern - verschiedene Größen, Farben, Materialien und Bauarten.
Doch es gibt noch gar keinen Bauplan, kein Grundstück und noch nicht mal eine Idee, welche Art von Gebäude überhaupt gebaut werden soll. Ein Bungalow vielleicht, ein Schloss oder eine Lagerhalle? Egal, die Türklinken liegen jetzt jedenfalls schon mal bereit. Ob und welche davon jemals zum Einsatz kommen? Das weiß keiner so genau. Am Rolltor einer Lagerhalle würde sich eine klassische Klinke jedenfalls nicht so gut machen. Also bauen wir besser keine Lagerhalle, weil wir sonst ja die teuren Türklinken wegschmeissen müssen?
Worauf ich hinaus will?
Unternehmen werden von allen Seiten bombardiert mit Angeboten zu verschiedensten KI Tools. Da werden den Geschäftsleitungen die glühendsten Versprechungen gemacht, was diese oder jene KI Anwendung alles Tolles kann.
Für mich sind diese Tools die teuren und unnützen Türklinken des KI-Zeitalters. Nicht, weil die Tools schlecht wären. Aber sie sind zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht zielgerichtet. Die meisten Unternehmen haben nämlich oft noch gar keine genauen Vorstellungen, wie ihr “KI Haus” eines Tages aussehen soll. Trotzdem wird viel Zeit damit zugebracht, über Türklinken nachzudenken.
Mein Fazit
Wir dürfen bei der Implementierung von KI im Unternehmen nicht den dritten vor dem ersten Schritt machen. Wer Zeit und Geld nicht aus dem Fenster schmeißen will, geht systematisch vor. Ich nenne es die WoWaWe-Fragemethode (wofür, was, welche), d.h. wir müssen die Fragen genau in dieser(!) Reihenfolge beantworten:
- Wofür wollen wir KI im Unternehmen nutzen? Prozesse, Kundenkommunikation, Produktion, etc.
- Was sind unsere Anforderungen, Erwartungen und Ziele? Erst wenn klar ist, was wir bauen wollen und wer im Unternehmen warum welche Lösungen braucht, wissen wir, welche Werkzeuge wir sondieren und implementieren sollten.
- Welche Lösungen passen zu uns? Mit einem klaren Anforderungsprofil wird aus der Masse eine überschaubare Auswahl.
Chefsache jetzt
Die Beantwortung dieser Fragen liegt klar in der Verantwortung der Geschäftsführungen. Die KI Strategie muss zur Chefsache erklärt werden. KI gehört auf jede Agenda, nicht morgen, sondern heute.
Erfahrungsgemäß gibt es in diesem Bereich das Gefühl der Überforderung, aber es gibt auch Lösungen:
- Nicht zögern + Nerven behalten
- Vertrauenswürdige und kompetente Beratung und Coachings in Anspruch nehmen
- Besonnen und zielstrebig loslegen - nicht mit konkreten Lösungen, aber mindestens mit "WoWaWe"!
Ich freue mich auf Austausch und Diskussion zu diesem Thema. Wer auf der Suche nach KI Impulsen für sein Unternehmen ist, kann gern meinen Newsletter abonnieren oder mich kontaktieren.
* Titelbild: per Prompt auf Midjourney: [A thoughtful business person, sitting at a desk, looking very strained and concentrated, thinking deeply about a box of shiny golden door handles in front of them. Modern office background, cinematic lighting, realistic style, 16:9]
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
Weitere Artikel
Plattformabhängigkeit im Mittelstand
Mitte der Neunziger war eine Internetadresse auf dem Firmenwagen ein kleines Statement: Seht her, wir sind drin! Was hinter dem „www“ steckte, war eher zweitrangig. Hauptsache, die Adresse fuhr mit.
Diese Woche fährt wieder eine Adresse spazieren, diesmal durch Manhattan. Und diesmal haben wir von ANTWORT:INTERNET sie gebaut.
Warum Abwarten bei KI im Mittelstand keine Strategie ist – eine Lehre aus dem Dotcom-Crash
Achtzig Bewerbungen, null Einladungen: So begann für mich das Jahr nach dem Dotcom-Crash. Was ich daraus für Unternehmen gelernt habe, die heute bei KI noch abwarten, steht in einem Satz: „Technik lässt sich nachrüsten, Erfahrung nicht."
Lokale KI ohne Cloud: Was im Mittelstand wirklich geht
Ich habe mehrere Sprachmodelle offline auf meinem MacBook zum Laufen gebracht. Was lokale KI im Mittelstand leistet und wo ihre Grenzen sind.
Weiterlesen … Lokale KI ohne Cloud: Was im Mittelstand wirklich geht
Was Jürgen Klopp über KI-Texte verrät – und warum KI die besten Texte schreibt, die niemand findet oder lesen will.
Sind KI-Texte nun gut oder schlecht? Schon lange hatte ich zu diesem Thema einen Text in meiner Schublade, war aber nie so richtig zufrieden damit. Dann kam ausgerechnet Jürgen Klopp und gab mir den entscheidenden Impuls, um diese Frage allgemeinverständlich zu beantworten.
SEO am Ende? Was wirklich dran ist – und was Google dazu sagt
Kaum ein Thema wird derzeit so laut beschallt wie die Frage, was die Künstliche Intelligenz mit der Auffindbarkeit Ihrer Website macht. „SEO ist tot“, heißt es an der einen Ecke. „Alles muss jetzt ganz anders“, an der nächsten. Wer genau hinhört, merkt schnell: Vieles davon ist Geräusch. Der Kampf um das stärkste Buzzword driftet allmählich ins Absurde ab: SEO, GEO, AEO, LLMO, LLMSEO und so weiter und so weiter.
Weiterlesen … SEO am Ende? Was wirklich dran ist – und was Google dazu sagt