Pixelgate beim DFB – Wie unsere digitalen Errungenschaften mit einem einzigen Trikot zunichte gemacht wurden.

Ich schaue gebannt auf den Rücken des Fußballers Julian Draxler bzw. auf die Rückseite seines neuen Auswärtstrikots. Der DFB hat sich da nämlich gerade ein umfassendes Redesign gegönnt und aus typographischer Sicht scheinbar einen Griff ins Klo gelandet. Ob da jetzt nämlich DRAXLER, ORAXLEA oder OAAHLER steht, ist schwer zu erkennen. Das sage nicht ich, sondern kein Geringerer als der Typographie-Guru Erik Spiekermann in einem aktuellen Interview mit der FAZ. Und schon hat Deutschland seinen neuen Skandal: Pixelgate beim DFB!

Spiekermanns vernichtendes Urteil, das ganze sei nur „eckige Scheiße“, finde ich irgendwie schon plausibel. Er gibt nämlich zu Bedenken: „Eine Schrift ist historisch überliefert (…) Bei unserem Alphabet gibt es recht wenig Spielraum. Eine Eins darf nicht wie eine Sieben aussehen, eine Acht nicht wie eine Drei und eine Drei auch nicht wie ein B. Eine Schrift ist keine Schrift mehr, wenn die Eitelkeit des Designers zu groß wird. Dann ist es eine künstlerische Darstellung. Und das ist hier passiert.“

Mir kann es eigentlich auch egal sein. Für mich als Fußball-Honk läuft am Ende eh alles nur darauf hinaus, dass das Runde ins Eckige muss. Und zwar ins Eckige des Gegners, so viel weiß ich dann auch noch. Und so lange das zu Gunsten der richtigen Mannschaft läuft, ist es doch fast schon belanglos, ob auf dem Rücken des Torschützen ORAXLEA, OAAHLER oder KOALABAER steht. Wenn der einigermaßen berühmt ist und sogar Tore schießen kann, (er)kennt man den doch sowieso.

Das neue Auswärtstrikot der deutschen Fußballnationalmannschaft, (C) dpa, Quelle: faz.de, 24.3.18

Apropos „eckig“

Wir mussten uns ja in der ersten Phase der Digitalisierung lange, lange mit diesen kleinen häßlichen Bildwürfeln, genannt „Pixel“, herumschlagen. Auch heute noch basiert in der Computerei fast alles auf dem Pixel. Dass es trotzdem mittlerweile so rund und geschmeidig und nicht mehr so plump wie Pac-Man aus den 80ern aussieht, haben wir in erster Linie der weiterentwickelten Display-Technik zu verdanken. Denn wenn die Bildpunkte nur klein genug erscheinen, sieht das menschliche Auge kaum noch den aus alten Computergrafiken bekannten Treppeneffekt.

Wir wollten doch keine Pixel mehr!

Nun haben wir uns also gerade aus dem Zeitalter der gröbsten Pixel befreit, da werden selbige auf einmal zum Kult erklärt und erleben, DFB sei Dank, eine Renaissance? Sagt mal, geht’s noch? Da erfreuen wir uns an den neuen Errungenschaften wie Retina-Display, Blu-Ray- und Ultra-HD-Technik und dann so was? Angeblich findet die Jugend diese Pixel ja total cool. „Ooops“, denke ich da so bei mir. „Bin ich mittlerweile etwa zu alt, um jugendliche Trends zu verstehen?“ Spiekermann ist ja nun auch nicht mehr der Jüngste. Vielleicht weiß der ja auch nicht mehr so ganz, wie der Hase heute läuft. Adidas hingegen, maßgeblicher Verursacher dieses „Pixelgates“, hat die totale Street Credibility. Wenn in Herzogenaurach also der Pixel als neue Hausschrift des DFB entdeckt wurde, dann werden die schon wissen, was sie tun. Spiekermann regt sich jedenfalls auf: „(…) Und dann kommen die, nehmen ein Rechteck und meinen, damit könne man Buchstaben machen. Das kann man aber nicht. Es soll aussagen: Wir machen eine coole Schrift, die auch die Sprayer-Kids benutzen (…) Da stehen die jungen Leute drauf! Am Ende ist das aber nur eckige Scheiße.“

Vorschlag zur Güte

Bevor das jetzt hier alles eskaliert, habe ich einen Vorschlag zur Güte: Die Computer- und Internetbranche darf auch weiterhin so arbeiten, dass auf den Bildschirmen dieser Welt alles so elegant und abgerundet wie möglich aussieht und optimal leserlich und benutzerfreundlich gestaltet ist.
Der Fußballwelt sollten wir alle künstlerischen Freiheiten gönnen. Redet man nicht immer von der hohen Kunst des Fußballs oder jemand sei ein wahrer Künstler am Ball? Warum sollte sich diese Kunst dann nicht auch auf den Trikots wiederfinden? Vielleicht erlebt ja eines Tages die ägyptische Hieroglyphe oder sogar die Höhlenmalerei aus der Altsteinzeit eine kultige Renaissance. Dann wird’s auf dem Rücken unserer Kicker zwar etwas eng, aber, hey, wenn es nun mal angesagt ist!? „Let’s go!“.

Alle in diesem Beitrag zitierten Aussagen von Erik Spiekermann stammen aus dem FAZ-Artikel „Das ist nur eckige Scheiße“ vom 23.3.18 von Sabrina Leretz.


Herzliche Grüße, Ihr Oliver Sonntag

Oliver Sonntag / Berliner / Jahrgang '73 / seit über 20 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / berät deutsche Mittelstandskunden, Vereine und Institutionen im Bereich Internet und Digitalisierung / Gründer und Geschäftsführer der Agentur ANTWORT:INTERNET.



Weitere Artikel

Nicht immer sind statistisch erfasste Website-Besucher das, wofür man sie hält. Was für den Laien oft nicht erkennbar ist: Besucher können auch unecht sein, nichts weiter als digital erzeugte heiße Luft, Scheinbesucher, die real gar nicht existieren. Die Kunst besteht darin, die realen, wertvollen Besucher von möglichen Geisternutzern zu unterscheiden. Denn nur wer auf Basis authentischer Zahlen operiert, kann gezielt und erfolgreich Budget für sein Online-Marketing einsetzen und strategisch planen. In diesem Beitrag beschreibe ich anhand eigener Erfahrung, wie schnell mal in eine solche Geisterfalle tappen kann.

"Klickt ihr noch ganz richtig?!" Diese Frage mag sich der eine oder andere Website-Betreiber beim Betrachten seiner Besucherstatistik stellen. Bei der Erfolgsmessung von Websites hat sich die Menge von Besuchern pro Zeitraum nämlich als eine der meist beachteten Kennzahlen etabliert. Hat eine Website viele Besucher, ist das gut. Hat eine Website wenige Besucher, ist das nicht gut. So weit, so einfach. Google sorgt jedoch gerade dafür, dass die Besucherzahl als Währung abgewertet wird und wir bei der Website-Erfolgsmessung in Zukunft umdenken müssen. Wie das sein kann, erzähle ich Ihnen in meinem heutigen Artikel anhand einer kleinen Geschichte über eine Party, die ganz schön ins Wasser fällt.

Das eigene Unternehmen zu unterstützen, indem man Geschichten darüber im Internet publiziert, ist ein smarter Ansatz für's Inbound Marketing. Aber die Durchführung gleicht einer Berg- und Talfahrt. Und nicht selten steht man vorm Klo und denkt darüber nach, den gerade vollendeten Text doch lieber dort hinunter zu spülen, als ihn ins Netz zu stellen. Lassen Sie sich mitnehmen auf 3 Jahre Selbsterfahrungs-Trip eines Internetagentur-Fuzzis, der um seinen Arbeitsplatz als Hobby-Blogger kämpft.  

In diesen Tagen würde ich mir am liebsten ständig die Hände reiben vor lauter Ruhe und Gelassenheit. Während alle Welt mal wieder aufgeregt darüber diskutiert, wie genial, innovativ und überhaupt “absolute amazing!!!” apples Jubiläums-iPhone wohl sein mag, kann ich mich entspannt zurücklehnen. Ich bin raus.