Brauchen wir eine neue Sicht auf Identität?
8,8 Millionen Namen, Adressen und Personennummern. So viele Datensätze haben Unbekannte im September aus dem zentralen Personenregister Dänemarks abgerufen.1 In solchen Fällen ist oft von Identitätsdiebstahl die Rede. Das klingt dramatisch. Ich fragte mich deshalb: Wenn man uns unsere Identität so einfach rauben kann, brauchen wir vielleicht eine neue Sicht auf Identität? Und ich musste sofort an jemanden denken.
Ich habe einen sehr guten Freund, dessen Namen ich hier lieber nicht nenne. Wobei: Lesen wird er diesen Text ohnehin nicht. Er hält sich an Zeitungen und Bücher – aus Papier, versteht sich. Ich könnte ihn also nennen. Aber das wäre unfair, denn mein Freund gibt sich große Mühe, keine Spuren zu hinterlassen. Das gilt für seinen CO₂-Fußabdruck ebenso wie für seinen digitalen.
Er ist eigentlich der Letzte in meinem Umfeld, von dem ich aus dem Urlaub noch handgeschriebene Postkarten bekomme. Per WhatsApp erreiche ich ihn nicht, nur per SMS. Und die bitte mit höchstens 160 Zeichen, sonst läuft sein Speicher voll. Sein Handy hat noch echte Knöpfe. Sie sind schwarz und abgewetzt. Er telefoniert lieber, als zu tippen. Aber noch lieber trifft er sich persönlich. Eine Kreditkarte besitzt er nicht. Online bestellt er nicht. Soziale Medien, Google Maps oder sonstige Tools, die im Ruf stehen, Daten zu saugen, nutzt er nicht.
Diesem Mann, könnte man meinen, kann niemand die Identität stehlen. Es gibt ja kaum etwas zu holen.
Identitätsdiebstahl! Was ist da eigentlich weg?
Immer häufiger lese ich von gehackten Kundendatenbanken, löchrigen Behördenregistern und „gestohlenen Identitäten“. Viele zeigen deshalb kein Foto mehr im Netz, keinen Klarnamen, keine E-Mail-Adresse. Verständlich. Aber was genau fehlt mir, wenn meine Identität gestohlen wurde? Bin ich danach jemand anderes? Oder niemand?
Die Antwort ist ernüchternd banal: Name, Geburtsdatum, Passwort, Ausweiskopie. Das, womit ich mich gegenüber Systemen ausweise. Ein Schlüsselbund. Wer ihn hat, kommt in meine Wohnung. Er wird dadurch aber nicht ich.
Biologie, Philosophie, Religion – wer hat recht?
Was Identität ist, darauf hat jede Disziplin ihre eigene Antwort. Die Biologie verweist aufs Genom, die Religion auf die Seele. John Locke suchte das Ich in der Erinnerung2, David Hume fand nur ein Bündel von Wahrnehmungen.3 Und Richard David Precht fragte: „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“4
Mich interessiert etwas anderes. Nicht wie viele. Sondern WARUM überhaupt. Warum bin ich überhaupt wer?
Selbigkeit und Selbstheit
Geholfen hat mir der französische Philosoph Paul Ricœur. In seinem Buch „Das Selbst als ein Anderer“ unterscheidet er zwei Weisen, über die Zeit hinweg derselbe zu bleiben.
Die erste nennt er Selbigkeit, lateinisch idem. Sie antwortet auf die Frage: Was an mir bleibt gleich? Gemeint ist alles, woran man mich wiedererkennt, ohne mich fragen zu müssen. Man denke an das Gesicht, die Fingerabdrücke, die DNA. Aber auch an den Charakter, also an die Gewohnheiten und Prägungen, die sich über die Jahre abgelagert haben. Selbigkeit lässt sich messen, vergleichen, archivieren. Genau dafür braucht man sie: Behörden, Banken und Grenzbeamte wollen sichergehen, dass ich heute derselbe bin wie gestern.
Die zweite nennt er Selbstheit, lateinisch ipse. Sie antwortet auf eine ganz andere Frage: Wer bin ich, wenn andere auf mich zählen? Selbstheit hat keine Substanz, die man messen könnte. Sie zeigt sich im gehaltenen Versprechen. Wer sagt „Ich bin morgen da“, steht für sein künftiges Ich ein, auch wenn er morgen müde ist, schlechte Laune hat oder lieber etwas anderes täte. Ricœur bringt das in einem kleinen Dialog auf den Punkt:
„Von dir“, sagt mir der Andere, „erwarte ich, daß du dein Wort hältst“; und dir antworte ich: „Du kannst auf mich zählen“.
— Paul Ricœur, Das Selbst als ein Anderer, S. 3255
Das Bemerkenswerte daran: Selbigkeit verändert sich, ob ich will oder nicht. Der Körper altert, der Charakter schleift sich ab. Selbstheit dagegen ist eine Entscheidung. Sie besteht gerade darin, dass ich mir treu bleibe, OBWOHL sich alles andere verändert. Und sie entsteht nicht im Register, sondern zwischen zwei Menschen.
Die Selbigkeit lässt sich kopieren. Sie ist ja dafür gemacht, abgeglichen zu werden. Die Selbstheit nicht. Niemand kann für mich ein Versprechen halten.
Worauf ich hinaus will? Hacker stehlen die Selbigkeit. Die Selbstheit liegt auf keinem Server.
Und das Unternehmen?
Für Firmen gilt dasselbe. Logo, Briefkopf, Bankverbindung lassen sich fälschen, und Betrüger tun das, etwa mit Rechnungen in fremdem Namen. Die Identität eines Mittelständlers, der seit Jahrzehnten am Markt ist, steckt woanders: in eingehaltenen Zusagen. Die kann niemand kopieren. Jeder Unternehmer kennt den Unterschied: Den Handelsregisterauszug eines Geschäftspartners kann man prüfen. Ob sein Handschlag gilt, nicht.
Das Postkarten-Dilemma
Mein Freund schützt seine Daten konsequent. Geholfen ist ihm damit leider nur bedingt. Denn auch er ist beim Einwohnermeldeamt gemeldet, mit Namen, Geburtsdatum und Adresse. Und sein Mobilfunkanbieter kennt ihn übrigens auch, denn irgendwohin müssen die 160 Zeichen ja geschickt werden. Wird das Melderegister gehackt, ist seine „Identität“ – oder nennen wir sie besser „Selbigkeit“ – genauso gestohlen wie die aller anderen. Dass das keine Theorie ist, hat gerade Dänemark gezeigt. Unter den 8,8 Millionen betroffenen Datensätzen waren sogar die von Ausgewanderten und Verstorbenen.1 Keine Postkarte der Welt hätte das verhindert.
Können wir jetzt überhaupt noch ruhig schlafen?
Was bleibt also? Ich glaube, eine gewisse stoische Gelassenheit. Ob das Einwohnermeldeamt gehackt wird, liegt nicht in der Macht des Einzelnen. Schon Epiktet lehrte im ersten Kapitel seines Handbüchleins, des „Encheiridion“, zwischen dem zu unterscheiden, was in unserer Macht steht, und dem, was es nicht tut.6 Ich denke, wir müssen deshalb unseren Blick auf die eigene Identität überdenken und sie als etwas begreifen, das man nicht stehlen kann. Alles andere liegt außerhalb unserer Reichweite.
Ist das zu fatalistisch? Ich habe darauf keine abschließende Antwort. Aber Gelassenheit heißt bei den Stoikern nicht Schulterzucken. In unserer Macht liegt, wie wir handeln und reagieren. Zum Beispiel, dass wir am Telefon kein Passwort herausgeben, nur weil der Anrufer unseren Namen und unsere Adresse kennt. Für Unternehmen liegt sogar noch mehr darin. In Dänemark wurde nicht das Register selbst geknackt. Die Täter nutzten den legalen Zugang einer kleinen Firma.1 Viele Mittelständler halten solche Schlüssel selbst in der Hand: zu Kundendaten, Portalen, Registern. Wer sie sorgfältig verwahrt, ist nicht fatalistisch. Er ist Teil der Lösung.
Und die Selbstheit meines Freundes? Die steht auf einer Postkarte aus dem Urlaub, von Hand geschrieben. Und sie sitzt mir an gemütlichen Kaminabenden bei guten Gesprächen und einem ausgezeichneten Glas Rotwein gegenüber.
Wer ich bin, passt in 160 Zeichen und auf eine kleine Plastikkarte. Warum ich wer bin, in keinen Speicher.
P.S. Wird KI das eines Tages ändern? Das ist eine andere Geschichte …
Quellen
[1] Forsknings-, Uddannelses- og Digitaliseringsministeriet (Dänemark): Pressemitteilung „Omfattende uautoriseret adgang til borgeres CPR-oplysninger“, 05.10.2026. via.ritzau.dk · Help Net Security, 06.10.2026: „Data breach at Denmark's population register exposes 8.8 million people“. helpnetsecurity.com ↩︎a ↩︎b ↩︎c
[2] John Locke: An Essay Concerning Human Understanding, 2. Auflage 1694 (dt.: Versuch über den menschlichen Verstand), Buch II, Kapitel 27: „Of Identity and Diversity“. ↩︎
[3] David Hume: A Treatise of Human Nature, 1739 (dt.: Ein Traktat über die menschliche Natur), Buch I, Teil IV, Abschnitt 6: „Of Personal Identity“. ↩︎
[4] Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Eine philosophische Reise. Goldmann, München 2007. ↩︎
[5] Paul Ricœur: Das Selbst als ein Anderer. Aus dem Französischen von Jean Greisch. Wilhelm Fink, München 1996, 2. Auflage 2005 (frz. Original: Soi-même comme un autre, 1990), S. 325. ↩︎
[6] Epiktet: Über die Kunst der inneren Freiheit. Alte Weisheiten für ein Leben nach der Stoa. Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen von A. A. Long. FinanzBuch Verlag, München 2019 (darin: Encheiridion, Kap. 1). ↩︎
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
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