Ein-Personen-Startups mit KI: Was die Ich-AG über Chinas Gründerboom verrät
Januar 2003. Eine Jury aus Sprachwissenschaftlern kürt die „Ich-AG“ zum Unwort des Jahres 2002 1. Die Begründung: Das Wort stufe menschliche Schicksale auf sprachliches Börsenniveau herab und rede schwierige soziale Sachverhalte mit sprachlicher Kosmetik schön. Drei Wochen vorher ist das Förderprogramm dahinter gestartet. Die Idee: Aus Arbeitslosen werden Unternehmer. Mit Zuschuss vom Staat.
Dreiundzwanzig Jahre später ist die Idee zurück. Diesmal in China. Diesmal mit KI.
Sieben Millionen Ich-AGs
Das Wall Street Journal berichtet, gestützt auf chinesische Staatsmedien, von mehr als sieben Millionen Ein-Personen-Unternehmen, die 2025 in China gegründet wurden, rund 42 Prozent mehr als im Vorjahr.2 Der Staat hilft kräftig nach: Angesichts hoher Jugendarbeitslosigkeit gibt es Büros, Wohnraum und Zuschüsse für Rechenkapazität. Die KI übernimmt Programmierung, Marketing, Kundenservice.
Und die Bilanz? Laut einer Umfrage des Gründernetzwerks Honghub setzt mehr als die Hälfte der befragten Solo-Gründer weniger als 1.000 US-Dollar im Monat um. Repräsentativ ist das nicht. Ein deutlicher Fingerzeig schon.
Was hat’s gebracht?
Zwischen 2003 und Mitte 2006 wurden in Deutschland rund 400.000 Ich-AG-Gründungen gefördert.3 Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bescheinigte der Ich-AG 2009, als Weg aus der Arbeitslosigkeit auch langfristig funktioniert zu haben.4 Als Gründerprogramm dagegen kaum.
Eins hat die Ich-AG jedenfalls nie geschafft: ein Jobmotor zu werden. Das IAB kommt auf rund 16.000 zusätzliche Vollzeitarbeitsplätze, deutlich weniger als beim klassischen Überbrückungsgeld.5 Die Ich-AG hat Menschen aus der Arbeitslosigkeit geholt. Unternehmen im Sinne von Wachstum, Innovation und neuen Stellen hat sie kaum hervorgebracht.
Selbstbeschäftigung ist kein Startup
Genau da liegt die Parallele. Der Fehler lag nie bei den Menschen. Er lag im Etikett. Selbstbeschäftigung ist ehrenwert. Aber sie ist kein Gründerboom. Wer beides verwechselt, betreibt Workslop auf volkswirtschaftlicher Ebene: Es sieht aus wie Unternehmertum und ist in Wahrheit Arbeitsmarktpolitik.
KI macht diese Verwechslung noch leichter. App, Website, Pitch-Deck - die Fassade eines Unternehmens steht heute an einem einzigen Wochenende. Was KI dabei aber nicht liefert: ein Problem, das man besser löst als andere. Und schon gar keinen Kunden, der dafür zahlt. Ein Investor aus Shanghai sagt im Bericht nüchtern, dass die meisten einfach das nachbauten, was es längst gäbe.
Zwischen Hobby und Beruf – und Erfolg sowieso – liegen gigantische Distanzen. Die überbrückt auch keine KI.
Wer am Goldrausch verdient
Laut erzählt wird die Geschichte über KI-Solo-Gründer vor allem auch von den Tech-Bros im Silicon Valley. OpenAI-Chef Sam Altman berichtete schon 2023 im Gespräch mit Reddit-Mitgründer Alexis Ohanian von einer Wette in seiner Chatgruppe mit befreundeten Tech-CEOs: In welchem Jahr entsteht das erste Ein-Personen-Unternehmen mit einer Milliardenbewertung, also das berühmte Einhorn? Ohne KI undenkbar, meinte Altman, jetzt werde es passieren.6
Man muss kein Zyniker sein, um das Geschäftsmodell dahinter zu sehen. Jeder Solo-Gründer, der sich die KI schnappt und losbastelt, zahlt Abos, Tokens, Rechenzeit. Ob seine App am Ende 35 zahlende Kunden hat oder 35 Millionen, ist für den Anbieter der KI zweitrangig. Beim Goldrausch haben bekanntlich die am sichersten verdient, die Schaufeln verkauft haben. Die Tech-Bros verkaufen gerade Schaufeln. Und die Geschichte vom Goldnugget gleich mit.
Und was hat das mit uns zu tun?
Für Geschäftsführungen im Mittelstand heißt das zweierlei.
Erstens wird die Welle schnell gebauter Apps (ich spreche bewusst nicht von Lösungen, denn die meisten sind es eben nicht) auch bei uns anbranden. Herangerollt kommt diese Welle mit inflationär anmutenden Versprechungen: Eine App für dieses, eine App für jenes, und eine App für irgendwas, wofür ich längst schon eine App habe oder gar keine brauche. Die Frage an jeden bleibt: Wem dient das? Und wer von den Anbietern ist in drei Jahren noch da, kümmert sich um seine Kunden, sorgt für Maintenance und Weiterentwicklung?
Zweitens passiert dieselbe Verwechslung im eigenen Haus. Wenn KI Konzepte und Angebote in Sekunden produziert, sieht plötzlich alles fertig aus. Ob es trägt, merkt man erst beim genaueren Hinschauen und Prüfen (Human-in-the-loop). Im schlechtesten Fall geht’s einfach ungeprüft raus an den Kunden und dann ist der Schaden riesig. Willkommen im Zeitalter des wachsenden Workslop-Risikos.
Warum mich das irgendwie beruhigt
Ich gebe zu: Solche Geschichten nagen manchmal an mir. Da baut angeblich einer ganz allein mit ein paar KI-Abos in wenigen Wochen ein Produkt. Und wir? Machen uns die Arbeit mit einem Team, mit Strategie, Vision, Mission, Wettbewerbsbeobachtung, mit der Frage, was uns wirklich unterscheidet und mit strategischer Produkt- und Leistungsentwicklung. Wer sich so tief Gedanken macht und dann von einem Laptop überholt wird, fragt sich irgendwann: Was mache ich eigentlich falsch?
Die Nachricht aus China gibt eine ziemlich klare Antwort. Nichts. Die allermeisten kommen nicht weit. Und wenn es mal einer schafft, ist er oder sie die Ausnahme. Die Geschichte wird dann allerdings sehr laut erzählt
In der Küche unserer Agentur hängt in Sichtweite der Kaffeemaschine ein Poster, auf dem steht:
Ein guter Anfang braucht Begeisterung, ein gutes Ende Disziplin.
Vor gut zwanzig Jahren hieß das Versprechen: Jeder kann Unternehmer werden. Heute heißt es: Jeder kann ein Einhorn bauen. Wahr ist beide Male nur der Anfang:
Jeder kann anfangen.
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
Quellen
[1] Sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“: Medienmitteilung zum Unwort des Jahres 2002, 21.01.2003. unwortdesjahres.net
[2] Wall Street Journal, zitiert nach VietNamNet / vietnam.vn, 22.09.2026: „In China sind über 7 Millionen Ein-Personen-Startups entstanden …“ (Gründungszahl laut WSJ aus chinesischen Staatsmedien; Umsatzzahlen aus einer Honghub-Umfrage unter 1.500 Solo-Gründern). vietnam.vn · vietnamnet.vn (Original)
[3] IAB-Chronik: Existenzgründungszuschuss („Ich-AG“) ab 01.01.2003. doku.iab.de
[4] IAB-Kurzbericht 3/2009: „Ich-AG und Überbrückungsgeld“. doku.iab.de
[5] IAB-Forschungsbericht 5/2015 (Arbeitsplatzeffekte der Ich-AG, Ablösung durch den Gründungszuschuss 2006). doku.iab.de
[6] Fortune, 04.02.2024, „Could AI create a one-person unicorn? Sam Altman thinks so“: https://fortune.com/2024/02/04/sam-altman-one-person-unicorn-silicon-valley-founder-myth/ Laut Fortune erzählte Altman Ohanian von einem Wettpool in seiner Chatgruppe mit befreundeten Tech-CEOs, in welchem Jahr das erste Ein-Personen-Unternehmen mit Milliardenwert entsteht, was ohne KI undenkbar gewesen wäre. Bloomberg datiert die Aussage auf eine Finanzkonferenz im Oktober 2023.
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