Warum KI im Mittelstand kein Lob verdient
Neulich sagte mir ein Kunde, den wir seit über fünfzehn Jahren betreuen, einen Satz, an dem ich immer noch kaue:
Ich frage mich manchmal, wie ihr das alles immer so geil hinbekommt.
Ich habe mich gefreut wie ein Schneekönig. Und erst ein paar Tage später ist mir aufgefallen, was er alles nicht gesagt hat. Er hat nicht gefragt, mit welchen Tools wir arbeiten. Nicht, ob da mittlerweile eine KI mitläuft. Nicht, wie viele Leute an seinem Projekt sitzen. Ihn hat einfach nur begeistert, wie toll es funktioniert. Seit über fünfzehn Jahren.
Der Applaus für das Werkzeug
Gerade wird viel Beifall in eine andere Richtung verteilt oder - besser gesagt - erwartet. Wer erzählt, wie clever er KI einsetzt, bekommt Schulterklopfen für den Einsatz selbst. Man zeigt die Maschine und verbeugt sich:
Tadaaa! Schaut nur, meine ultra krasse KI!
Ich verstehe den Reflex. Wer früh etwas Neues beherrscht, will das zeigen, das ist menschlich und war in den Neunzigern mit den ersten Websites genauso. Nur hat noch nie ein Kunde einen Dienstleister dafür gelobt, dass der sein Werkzeug bedienen kann.
Niemand lobt den Schreiner für seine Oberfräse. Gelobt wird der Schrank. Wenn ich für meine Oberfräse gelobt werden will, dann muss ich Hersteller von Oberfräsen sein und nicht Schreiner.
Beim Schreiner sieht man die Maschine ja gar nicht. Man sieht eine Schublade, die nach zwölf Jahren noch sauber schließt. Ob der Schreiner sie mit einer Fräse für achttausend Euro gemacht hat oder mit dem verrosteten Stemmeisen seines Urgroßvaters, ist seine Sache. Es ist sogar ausdrücklich seine Sache. Dafür bezahlt man ihn: dass er diese Entscheidung trifft, und zwar richtig.
Genauso verhält es sich in anderen Branchen auch. Niemand lobt den Fotografen für seine teure Kamera, sondern für das berührende Bild. Und niemand lobt den Koch für seine teuren Pfannen, sondern für den fantastischen Geschmack des Essens. Das könnte ich jetzt noch endlos weiterführen. Ich will es dabei belassen.
Bei KI scheinen wir derzeit jedoch noch an einem früheren Punkt zu sein. Da ist der sogenannte Werkzeugstolz noch allgegenwärtig.
Werkzeugstolz ist ein Anfängergefühl
Und hier wird es unbequem: Wer sein Werkzeug vorzeigt, hat oft noch kein Ergebnis, das für ihn spricht. Der Werkzeugstolz ist das Gefühl der ersten Zeit. Er verschwindet in dem Moment, in dem die Arbeit gut genug ist, um für sich selbst zu stehen.
Ich bin niemand, der KI kleinredet. Ich setze sie täglich ein, und sie macht einen Teil dessen möglich, worüber sich unsere Kunden im positiven Sinne wundern. Aber sie ist der Kolben im Motor, nicht die Trophäe auf dem Kühler. Wer sie zur Trophäe macht, verrät nebenbei, dass das Ergebnis allein nicht trägt.
Die einzige Frage, die zählt
Für Geschäftsführungen wird daraus eine ziemlich schlichte Prüffrage.
Nicht:
Wo können wir KI einsetzen, damit es jemand merkt?
Sondern:
Wird unsere Arbeit mit der Hilfe von KI so großartig, dass unsere Anspruchsgruppen sich fragen, wie wir das alles immer so gut hinbekommen?
Wenn wir das schaffen, dann ist es egal, ob dahinter ein Large Language Model steckt, dreißig Mitarbeitende oder beides. Wenn wir es nicht schaffen, helfen auch die tiefste Verneigung und der schönste Beifall auf LinkedIn nicht.
Ich glaube, ich bin unserem Kunden noch eine Antwort schuldig, warum wir aus seiner Sicht “immer alles so geil hinbekommen” . Wobei …, vielleicht auch nicht. Ich kann mich ja schlecht über den Werkzeugstolz der Anfänger echauffieren und mich dann bei der erstbesten Gelegenheit mit meiner Oberfräse brüsten.
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
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