Zwischen Bunker und Bewusstsein
Warum ich mich mit KI beschäftige – und was mir dabei manchmal fehlt
Ich begleite seit über zwei Jahrzehnten Unternehmen bei der digitalen Transformation. In dieser Zeit habe ich viele Technologien kommen und gehen sehen. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Technik allein reicht nicht. Sie braucht Kontext, Haltung und die richtigen Fragen.
Wenn ich mit Kunden über die Implementierung von KI im Unternehmen spreche, dann geht es oft um Tools, Prozesse und Effizienzgewinne. Aber immer häufiger stelle ich mir dabei auch selbst die Frage: Wohin führt uns das alles eigentlich? Wie sinnvoll, wie zielführend, wie ethisch ist der Einsatz von KI wirklich? Und was sagt es über uns als Gesellschaft, wenn wir beginnen, Entscheidungen an Maschinen zu delegieren, die wir selbst nicht mehr ganz verstehen?
Ich bin kein Technikgegner. Im Gegenteil. Ich liebe durchdachte Systeme, beschäftige mich ständig mit den neuesten Entwicklungen und teste ihren Nutzen an mir selbst. Aber ich akzeptiere und befürworte sie erst dann, wenn sie mir - dem Menschen - dienen und nicht umgekehrt. Deshalb glaube ich: Wer zu KI berät, muss sie auch verstehen. Und zwar nicht nur funktional, sondern ideengeschichtlich, kulturell und politisch.
Douglas Rushkoff, der Bunker und das Mindset der Tech-Elite
Kürzlich stieß ich auf eine Folge der "Sternstunde Philosophie" mit Douglas Rushkoff. Der Medienwissenschaftler zählt zu den einflussreichsten digitalen Intellektuellen unserer Zeit. Was er dort erzählte, beschäftigt mich:
Rushkoff spricht von Tech-Milliardären (insbesondere von denen, die uns die sozialen Netzwerke und die KI gebracht haben), die sich auf das "Event" vorbereiten, einen Systemkollaps, bei dem sie sich in Bunkern in Neuseeland oder auf Luxusyachten in internationalen Gewässern zurückziehen wollen. Der Clou: Diese Menschen glauben nicht mehr an eine Lösung für die Gesellschaft, sondern nur noch an eine Flucht vor ihr. Sie haben eine Realität geschaffen, der sie mit Hilfe ihrer massiven finanziellen Mittel so bald wie möglich entfliehen wollen, optimalerweise bis auf den Mars. Sie denken in Exit-Strategien. Und hinter diesem Denken steckt ein bestimmtes “Mindset”: Der Glaube an den radikalen Individualismus, an Transhumanismus, Longtermismus, an die Idee des Übermenschen, der der Welt entkommt, indem er sich mit Technik aufrüstet. Es ist ein Denken, das Verantwortung ersetzt durch Kontrolle, und Moral durch Berechenbarkeit.
Noch deutlicher wird dieser Denkansatz bei Marc Andreessen, einem der mächtigsten Investoren im Silicon Valley. In seinem "Techno-Optimist Manifesto" schreibt er:
We believe in the romance of technology.
Marc Andreessen, The Techno-Optimist Manifesto, 2023, https://a16z.com/the-techno-optimist-manifesto (Stand: 07.09.2025)
Das klingt auf den ersten Blick poetisch. Ist es aber nicht. Es ist die poetische Verpackung einer Weltanschauung, in der Technik per se gut ist – und jeder Zweifel ein Zeichen von Schwäche. Der Mensch? Optimierbar. Probleme? Automatisierbar. Gesellschaft? Skalierbar.
Was mich daran stört: Diese Haltung ist nicht neutral. Sie ist nicht harmlos. Sie ist eine Ideologie und sie schreibt sich in Code ein, in Algorithmen und Entscheidungen, die dann von Systemen getroffen werden, denen wir Macht übertragen, weil sie "so effizient" sind.
Was bleibt da für uns? Zwischen Verantwortung und Realität
Ich arbeite mit dem deutschen Mittelstand. Mit Menschen, die keine Bunker bauen, sondern durchdachte Produkte und Dienstleistungen hervorbringen. Mit Unternehmen, die nicht in Serverfarmen investieren, sondern in Ausbildung und Arbeitsplätze. Und mit Teams, die keine Dellen ins Universum schlagen, sondern stabile Prozesse, gesunde Strukturen und sinnvolle Innovation etablieren wollen.
Diesen Menschen kann ich nicht mit Ideologien kommen. Sie wollen – und sollen – verstehen, wie KI konkret hilft und wie sie ihre Arbeit besser macht. Und wann es vielleicht besser ist, einen Schritt nicht zu gehen. Die von mir schon immer bevorzugte Philosophie von Evolution statt Revolution ist für viele nicht Ausdruck von Trägheit, sondern von Verantwortung. Gerade in Zeiten, in denen der nur schwer auszusprechende effektive Akzelerationismus an Bedeutung gewinnt – also die Idee, gesellschaftliche und technologische Prozesse bewusst zu beschleunigen, um Wandel radikal voranzutreiben –, halte ich es für notwendig, Gegengewichte zu setzen.
Ich sehe in dieser Beschleunigungslogik eher ein Symptom unserer kollektiven Unruhe als ein Rezept für echten Fortschritt. Nicht alles, was sich schneller bewegt, bewegt sich auch in die richtige Richtung. Diese Realität schätze ich sehr. Denn sie erinnert mich daran, dass Technologie kein Selbstzweck ist. Sie ist ein Mittel. Und das Mittel darf nicht größer werden als das Ziel.
Wie ich KI verstehe – und warum ich vorsichtig optimistisch bin
Ich bin fest davon überzeugt, dass wir KI sinnvoll nutzen können. Aber eben nicht als Heilsversprechen, sondern als Werkzeug. Ich glaube an Systeme, die sich an den Menschen anpassen, nicht umgekehrt. An Hyperpersonalisierung, die Menschen sichtbarer macht, nicht manipulierbarer. Für mich beginnt jeder KI-Einsatz mit einer einfachen Frage: Wem dient das? Dient es den Kunden? Den Mitarbeitenden? Dem Unternehmen? Oder nur dem Narrativ des Fortschritts?
Ich habe mich noch nie von Buzzwords treiben lassen. Ich will verstehen, was bleibt, wenn der Hype vergangen ist. Ich will – und das ist vielleicht der Kern meiner Haltung und Beratung – Orientierung geben, wenn andere nur "Innovation" schreien. Ich weiß: Wer sich mit den Ideen einiger Tech-Milliardäre näher beschäftigt, stößt schnell auf Weltbilder, die schwer zu verdauen sind. Der Planet wird zur wegwerfbaren Raketenstufe, Menschen als hinderliche Masse, die man abschütteln will. Das klingt verstörend – und genau deshalb sollten wir es nicht einfach ignorieren.
(...) For holders of The Mindset, all this wasted power is like the first stage of the rocket ship taking them to the next level. It spends a lot of fuel before it is discarded and allowed to crash back to the planet while the astronauts continue on their journey (...)
Rushkoff, D. (2022). Survival of the Richest: Escape Fantasies of the Tech Billionaires. New York: W. W. Norton & Company.
Solche Weltbilder stellen uns vor einen Spagat: Wie gehen wir damit um, dass wir Technik nutzen, die aus genau diesen Denkräumen stammt? Deren Strukturen und Plattformen oft nicht dem Menschen dienen, sondern ihn verwerten? Die das Versprechen von Fortschritt tragen – aber in Wirklichkeit eine neue Form digitaler Ausbeutung etablieren? Ich habe keine einfache Antwort darauf. Aber ich finde: Es ist besser, diese Fragen zu stellen, als sie auszublenden. Nur wer die Motive hinter der Technologie versteht, kann sie bewusst und sinnvoll einsetzen. Wer Gestaltungskraft haben will, darf sich nicht nur für Tools interessieren, sondern auch für die Weltbilder, die sie geformt haben.
Zwischen Bunker und Bewusstsein liegt Verantwortung
Zwischen Bunker und Bewusstsein liegt eine Entscheidung. Die einen suchen nach einem Ausweg – raus aus der Welt, raus aus der Verantwortung. Die anderen versuchen, den Dingen ins Auge zu sehen. Sich einzubringen. Klar zu bleiben, auch wenn es komplex wird.
Ich arbeite lieber mit Menschen, die Letzteres tun. Die nicht auf Rückzug setzen, sondern auf Dialog. Die KI nicht nutzen, um sich abzuschotten, sondern um besser zu verstehen. Es geht nicht nur um Prozesse und Technik. Es geht um Haltung. Und darum, welche Zukunft wir mit ihr gestalten.
Ich kann mir vorstellen, was man mir an dieser Stelle vorwerfen könnte: Wenn ich all das weiß – wenn ich die Hintergründe, Abgründe und ideologischen Verzerrungen sehe – wie kann ich dann in diesem Bereich überhaupt noch tätig sein? Müsste ich das Ganze nicht boykottieren? Ich könnte diesen Einwand verstehen. Aber ich glaube, dass Rückzug an dieser Stelle kein Beitrag wäre. Die Technik ist da. Sie wird genutzt. Sie wird gestaltet. Und genau deshalb braucht es Menschen, die bereit sind, mit klarem Blick und innerer Haltung in diesen Feldern zu arbeiten. Nicht als blinde Umsetzer, sondern als aufmerksame Begleiter, als Stimmen der Reflexion im Maschinenraum des Fortschritts.
Gerade weil das Feld heute so voll ist mit selbsternannten "KI-Evangelisten", halte ich Zurückhaltung für eine Form von Aufrichtigkeit. Viele dieser Figuren folgen weniger einer Überzeugung als einem Markttrend. Sie wechseln ihre propagierten Produkte und Vorlieben wie andere die Folien in ihren Pitchdecks – immer angepasst an den Trend, der sich gerade gut verkauft. Ich halte nichts von dieser Form des Opportunismus und der Technikeuphorie.
Ich bin überzeugt: Wer Verantwortung übernehmen will, muss bereit sein, zwischen den Zeilen zu lesen und ein Gesamtverständnis auch abseits der Technik zu entwickeln. Viele KI-Propagandisten übernehmen Begriffe und Sichtweisen, ohne sie je wirklich durchdrungen zu haben. Solches Verhalten sorgt für Orientierungslosigkeit, nicht für Fortschritt. Wer sich dem Willen nach tieferem Verständnis entzieht, überlässt das Feld jenen, die keine Fragen mehr stellen. Fragen sind keine Schwäche. Sie zu stellen ist der Anfang von Verantwortung.
* Titelbild: per Prompt auf Midjourney: [idyllic New Zealand landscape, rolling green hills, clear blue sky, bright morning light, cinematic composition, ultra high detail in the distance, a barely noticeable modern concrete bunker is subtly embedded into the hillside, minimal and cold, visually blends into the natural surroundings at first glance, but feels unsettling when discovered, photo-realistic, 16:9 aspect ratio, natural colors, editorial photography style, quiet and beautiful with hidden tension]
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
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