Plattformabhängigkeit im Mittelstand
Mitte der Neunziger war eine Internetadresse auf dem Firmenwagen ein kleines Statement: Seht her, wir sind drin! Was hinter dem „www“ steckte, war eher zweitrangig. Hauptsache, die Adresse fuhr mit.
Diese Woche fährt wieder eine Adresse spazieren, diesmal durch Manhattan. Und diesmal haben wir von ANTWORT:INTERNET sie gebaut.
Zwei Tage im Kreis: eine Plattform-URL auf Tour durch Manhattan
In New York tagte das Skift Global Forum, eines der großen Branchentreffen der Reise- und Hotelwelt. Auf der Bühne stand Booking.com-Chef Glenn Fogel. Vor der Tür kreiste zwei Tage lang ein Truck um das Konferenzzentrum. Er trug die Botschaft der Stichting Hotel Claims Alliance (SHCA) aus Amsterdam, sinngemäß:
Booking.com hat verdient, die Hotels haben bezahlt.
Darunter stand mybookingclaim.com, die Plattform, die wir für die SHCA entwickelt haben und betreuen.
Quelle: https://www.mybookingclaim.com/en/news/bringing-european-hotels-claim-to-new-york (Stand: 24.09.2026)
Mein erster Gedanke, als ich die Bilder sah: Wie geil ist das denn?! Mein zweiter: Jetzt nur nicht sentimental werden.
Paritätsklauseln: Wenn die eigene Website nichts mehr zählt
Nach Darstellung der SHCA hat Booking.com von 2004 bis 2024 mit sogenannten Paritätsklauseln verhindert, dass Hotels auf ihrer eigenen Website günstigere Preise anbieten. Die Folgen seien weniger Wettbewerb, künstlich hohe Preise und mehr Marktmacht für die Plattform. Über 15.000 Hotels haben sich der Sammelklage inzwischen angeschlossen. Dr. Volker Soyez, der die Klage für Europas Hotels führt, schätzt den Gesamtschaden auf mehrere Milliarden Euro.
Fogel sprach in seiner Keynote darüber, wie man sich in der Branche langfristige Wettbewerbsvorteile sichert. Über die rund fünf Milliarden Euro an kartellrechtlichen Risiken, denen Booking.com laut SHCA in Europa gegenübersteht, sprach er nicht.
Hier muss ich bremsen. Ich bin kein Jurist, und über die Klage entscheiden Gerichte, nicht Blogs. Ein Muster kenne ich aber aus rund 30 Jahren Internetbranche: Plattformen starten als Vermittler und enden, wenn niemand aufpasst, als Torwächter. Ich habe dies in meinem Blogartikel zum Plattformparadox beschrieben. Das Erste, was ein Torwächter entwertet, ist die Adresse der anderen. Das Hotel hat eine Website. Es darf dort nur nicht günstiger sein.
Plattformabhängigkeit im Mittelstand ist Chefsache
Hotels sind Mittelstand, oft über Generationen gewachsen. Die SHCA weist auf etwas hin, das weit über die Hotellerie hinausreicht: Booking.coms KI-getriebene „Connected Trip“-Strategie ist darauf angewiesen, dass Hotels Daten, Preise und Verfügbarkeiten teilen. Wer seinem Partner nicht mehr vertraut, sucht sich andere. Gleichzeitig setzt KI das Modell der Online-Reiseportale ohnehin schon unter Druck.
Für jede Geschäftsführung, deren Umsatz über eine fremde Plattform läuft, bleibt deshalb eine unbequeme Frage: Wem dient das? Mir oder dem Torwächter? Die ehrliche Antwort ist selten ein Entweder-oder. Stellen muss man die Frage trotzdem, und zwar regelmäßig. Digitalisierung heißt eben nicht nur, auf Plattformen präsent zu sein. Sie heißt auch, die eigene Adresse nicht aus der Hand zu geben.
Zurück auf die Straße: Warum die eigene Adresse zählt
In den Neunzigern hieß die URL auf dem Wagen: Wir sind drin. Die URL auf dem Truck in Manhattan sagt etwas anderes: Wir sind noch da, und wir sind 15.000.
Die Adresse stimmte also. Jetzt fehlt nur noch die Antwort.
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
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