KI im Mittelstand: Warum Evolution mehr bringt als Revolution
Auf einer KI-Konferenz in Dresden habe ich einen Vortrag gehört, der das Vertrauen zum neuen Geschäftsmodell erklärte. Der Saal nickte, als sei das eine Entdeckung. Ich saß da und dachte: Wie bitte!? Meint der das echt ernst?
Ein Moment der Klarheit, ausgerechnet im Vortragssaal
Es gibt Momente der Klarheit, die einen unvorbereitet treffen. Solche Momente sind großartig, man sollte sie so oft wie möglich haben. Meiner kam im Herbst 2025 auf der KI-Konferenz „Brains on Silicon“ in Dresden. Auf der Bühne stand ein Speaker, und sein Vortrag trug den Titel: „Vertrauen – Das neue Geschäftsmodell.“
Angesichts der wachsenden Unsicherheit und Verwirrung, die KI in vielen Branchen auslöst, in der Szene der Digitalagenturen ganz besonders, predigte er die Rückkehr zu stabilen und vertrauensvollen Kundenbeziehungen. Ich dachte nur: Ist das jetzt DIE neue Erkenntnis, dass gute Beziehungen auf Vertrauen aufbauen?
Ja, er meinte es ernst. Das bestätigte er mir in einem aufschlussreichen Gespräch, das ich anschließend mit ihm führte. Und für viele im Publikum schien das, was er sagte, tatsächlich eine Art Offenbarung zu sein. Für mich war es weniger Offenbarung als Bestätigung. Damit bin ich mitten im Thema.
Vertrauen ist kein Geschäftsmodell, sondern die Voraussetzung dafür
„Vertrauen durch Erfahrung“ ist das Leitmotiv, das wir bei ANTWORT:INTERNET seit unserer Gründung vor gut 22 Jahren leben. Das hat einen ganz klaren Grund. Ich habe meine Agentur kurz nach der Jahrtausendwende quasi auf den Trümmern des Dotcom-Crashs gegründet und aufgebaut. Das war, nachdem ich mit Ende 20 meinen gut bezahlten Job als angestellter Internetentwickler verloren hatte und nach einer goldenen, von unzähligen Hypes geprägten Ära in den 1990er Jahren sozusagen auf der Straße saß.
Wer so anfängt, verkauft Vertrauen nicht als Feature. Man baut es auf, Projekt für Projekt, Jahr für Jahr. Während viele Agenturen offensichtlich heute erst lernen müssen, wie man langfristige Kundenbeziehungen aufbaut, sind für uns Mandate von 10, 15 oder 18+ Jahren eine gelebte Realität.
Für viele begann das KI-Zeitalter im November 2022
Viele wissen gar nicht, dass wir bei ANTWORT:INTERNET schon seit 2017 in sehr ambitionierten Projekten arbeiten, die auf künstlicher Intelligenz und neuronalen Netzen aufbauen. Für zahlreiche neue Akteure, die heute auf den Markt drängen und sich „KI“ auf die Fahnen schreiben, begann das „KI-Zeitalter“ dagegen erst im November 2022, mit dem Durchbruch von openAI’s ChatGPT.
Viele von ihnen sind über alle Maßen von sich überzeugt. Sie sind laut. Und, was aus meiner Sicht das Riskante ist, sie nehmen eine Haltung ein, die den Hype um KI unreflektiert befeuert.
Dass KI große Umwälzungen mit sich bringt, steht für mich außer Frage, gesellschaftlich, politisch und wirtschaftlich. In vielen Unternehmen herrschen deshalb Unsicherheit und Orientierungslosigkeit. Nicht wenige Menschen haben Vorbehalte gegenüber der Technologie und Angst um ihre Arbeitsplätze. Unternehmen aber, die das Thema verantwortungsbewusst und strategisch angehen, werden davon profitieren. Davon bin ich überzeugt.
All das habe ich schon mal in den 90ern erlebt
Die heutigen Verheißungen scheinbar unendlicher Möglichkeiten, die stetig neu gegründeten KI-Unternehmen, „Killertools“ am laufenden Band, der wahnsinnige Enthusiasmus, milliardenschwere Investitionen: All das habe ich schon einmal erlebt. Damals erschlossen wir das World Wide Web, und allzu viele ließen sich von viel zu großen Versprechen mitreißen und marschierten in die falsche Richtung.
Diese Déjà-vu-Momente stärken nur meine Entschlossenheit. Ich begegne in meiner Branche zunehmend Menschen, in denen ich keine strategischen, integren Berater sehe, sondern reine Opportunisten, die sich kontinuierlich an gut verkäufliche Trends hängen. Heute sind sie Experten für dieses, morgen für jenes. Mit Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein hat das für mich nichts zu tun.
Cold Calls, Killerapplikationen und ein Appell
Dass unsere Branche in Bewegung ist und der Hype viele neue, sehr laute und von sich überzeugte Akteure anzieht, merken auch wir, an einem deutlich erhöhten Aufkommen an Cold Calls in unserer Agentur. Ich bin sicher, in den Geschäftsleitungen des Mittelstands sieht es nicht anders aus: unaufgeforderte Angebote zu KI-Tools, „Killerapplikationen“, wundersame Lead-Generatoren, fancy Marketingbooster.
Mein dringender Appell: Bitte lassen Sie sich nicht verrückt machen!
Betrachten Sie all das durch die Brille des Digital- und KI-Realismus. Technologien gehören nicht um des Hypes willen ins Unternehmen, sondern als strategische Werkzeuge, wenn sie einem Zweck dienen.
Drei Fragen, bevor ein KI-Werkzeug ins Unternehmen kommt
Für uns zählt die Kontrolle darüber, welche Tools und Lösungen zu welchem Zweck und mit welcher Zielsetzung im Unternehmen implementiert werden. Daraus werden drei Fragen, die vor jeder Einführung geklärt sein sollten. Sie klingen banal. Erstaunlich oft bleibt trotzdem mindestens eine davon unbeantwortet.
Welches Werkzeug?
Nicht: Welches Tool ist gerade in aller Munde? Sondern: Welches passt zu dem, was im Unternehmen ohnehin schon läuft, zu den Daten, den Prozessen und den Menschen, die damit arbeiten sollen?
Zu welchem Zweck?
Ein Werkzeug ohne Aufgabe ist ein Abo, kein Fortschritt. Der Zweck muss sich in einem Satz sagen lassen, den auch jemand versteht, der nicht in der IT arbeitet.
Mit welcher Zielsetzung?
Woran wird in einem halben Jahr erkennbar sein, ob sich die Einführung gelohnt hat? Wer diese Frage vorher nicht beantworten kann, wird sie hinterher auch nicht beantworten können, und behält das Tool dann meistens trotzdem.
Fazit: Evolution schlägt Revolution
Ich habe seither eine ganz klare Vision: Die digitale Transformation muss evolutionär und nicht revolutionär gemeistert werden. Insbesondere Unternehmerinnen und Unternehmer des deutschen Mittelstands, an denen mir schon immer sehr gelegen ist, brauchen keine Hypes und Experimente, sondern integre, geprüfte Partner, die es von Grund auf ehrlich mit ihnen meinen und denen sie mit gutem Gewissen ihre oft über viele Jahrzehnte aufgebauten Firmen anvertrauen können.
Auf der Bühne in Dresden war Vertrauen das neue Geschäftsmodell. Bei uns ist es das alte.
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
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