Warum Abwarten bei KI im Mittelstand keine Strategie ist – eine Lehre aus dem Dotcom-Crash
Achtzig Bewerbungen, null Einladungen. Das war meine Bilanz kurz nach der Jahrtausendwende. Ich war Ende 20, hatte Studium, Berufserfahrung und gute Referenzen und einen Beruf, den plötzlich niemand mehr haben wollte. Wenige Jahre zuvor: fünf Bewerbungen, fünf Angebote. Dazwischen lag nur ein Knall. Die Dotcom-Blase war geplatzt, und Internetexperten fasste man nicht mal mehr mit der Kneifzange an.
Ich hole diese Geschichte wieder hervor, weil mir vergangene Woche in meinem Artikel über lokale KI im Mittelstand fast beiläufig ein Satz aus den Fingern glitt: Unternehmen, die jetzt bei KI noch abwarten, können in Zukunft bessere und günstigere Technologie einkaufen, haben bis dahin aber null Praxiserfahrung gesammelt.
Ich lass mich gern zitieren:
„Technik lässt sich nachrüsten, Erfahrung nicht.“
Das ist keine Pointe über KI. Es ist die Kurzfassung meiner letzten dreißig Berufsjahre.
Was der Crash übrig ließ
Als die New Economy zum Jahrtausendwechsel zusammenbrach, verschwand, was der Hype aufgeblasen hatte: das Geld der Investoren, die Bewertungen, die Jobs. Die Technik verschwand nicht. Server, Software, Infrastruktur ließen sich weiterhin kaufen, und das World Wide Web funktionierte am Tag nach dem Crash genauso wie am Tag davor.
Noch etwas blieb: Erfahrung. Ich hatte eine komplette Hype-Ära von innen gesehen, einschließlich ihres Endes. Ich hatte erlebt, wie sich allzu viele von viel zu großen Versprechen mitreißen ließen und den Bogen maßlos überspannten. Diese Erfahrung war das Einzige, was mir niemand kündigen konnte. 2003 gründete ich auf den Dotcom-Trümmern dann meine Agentur.
Zwei Arten, sich zu irren
Die einen investierten damals in den 90ern, als gäbe es keinen Morgen. Der Crash präsentierte später die Rechnung. Die anderen, die gezögert und abgewartet hatten, fühlten sich nach dem Knall bestätigt: „Haben wir doch gleich gesagt.“ Nur ging das Internet bekanntlich nicht wieder weg. Als sie Jahre später einstiegen, war die Technik besser und billiger. Websites, Shops, CMS, CRM, ERP mit allem Pipapo: alles bestell- und bezahlbar. Nicht bestellbar waren die Jahre, in denen andere gelernt hatten, wie das alles funktioniert, was und wie die Kundschaft online sucht und wie man sich eine solide Reputation im Netz aufbaut.
„Wir machen doch schon was mit KI!“
Stimmt. Die meisten Unternehmen, die ich kenne, nutzen schon KI. Das sieht momentan jedoch erstmal so aus: Frage rein, Antwort raus. Ein bisschen wie googeln, nur eben jetzt mit einem Chatbot. Ja, es ist zumindest ein Anfang. Aber die richtig guten Anwendungsfälle, bei denen KI einen ganzen Ablauf übernimmt und ein Unternehmen spürbar produktiver macht, fehlen bei den allermeisten noch. Nicht, weil die Technik sie nicht hergäbe. Die Vorstellungskraft, wozu KI tatsächlich imstande ist, fehlt vielerorts noch. Und genau die Erfahrung, die aus jener Vorstellungskraft entstehen könnte, ist es, die sich später nicht nachrüsten lässt. Deshalb plädiere ich immer wieder dafür: Nur Mut! Jetzt loslegen.
Die Modelle dafür wird bald jeder haben, so wie jeder Strom hat. Was sich jederzeit kaufen lässt, unterscheidet jedoch niemanden. Es werden vielmehr die konkreten Anwendungen sein, mit denen sich Unternehmensprozesse effizient optimieren und automatisieren lassen und die das Personal mit völlig neuen Fähigkeiten ausstatten wird. Das bringt dann erst den richtigen Mehrwert. Doch bis dahin ist es ein langer Weg, der Neugierde, Kreativität. Experimentier- und Investitionsbereitschaft erfordert.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: Das ist kein Aufruf zur Hektik. Erfahrung aus Aktionismus ist nicht der Weg, den ich meine. Es genügt ein erster kleiner Ablauf im eigenen Haus, ausgewählt nach dem Warum und Wofür und nicht nach dem Werkzeug. KI darf kein Selbstzweck sein. Und es braucht jemanden aus der Chefetage, der hinschaut. Erfahrung lässt sich nämlich auch nicht delegieren. Gute Berater können ihre Erfahrung verleihen, die eigene ersetzt das nicht.
Die Antwort
Auf meine achtzig Bewerbungen damals kam nie eine Einladung. Die Antwort habe ich mir schließlich selbst gegeben; sie steht seit 2003 in unserem Firmennamen der AI ANTWORT:INTERNET GmbH. Was ich dafür aus den Neunzigern mitbrachte, stand in keinem Katalog und ließe sich nachträglich auch nicht kaufen: Erfahrung.
Digitalstratege & KI Realist / Berliner / Jahrgang '73 / seit rund 30 Jahren beruflich in der Internetbranche tätig / Gründer und Geschäftsführer der AI ANTWORT:INTERNET GmbH
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